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Willkommen auf der deutschen Homepage von Sherry Thomas, deren Bücher im CORA Verlag erscheinen

Sherry Thomas ist eine junge Autorin, die als Meisterin ihres Fachs gefeiert wird. Ihre historischen Erzählungen ziehen den Leser mit ihrer Leidenschaft und Romantik von der ersten Seite an in ihren Bann. Wer einmal einen Roman von Sherry Thomas gelesen hat, wird nie genug von den mitreißenden Abenteuern ihrer Heldinnen bekommen!

Gefährliche Leidenschaften

Gewinnerin des RITA-Award 2010


Gefährliche Leidenschaften
CORA Verlag ♦ 28. Juni 2011
Kauft von CORA


Ihre Ehe währte kaum länger als die Flitterwochen – was keinen wirklich überrascht, am wenigsten die Braut Bryony selbst. Ein so attraktiver und begehrter Mann wie Leo Marsden und eine Frau wie sie, die gegen die guten Sitten verstößt, indem sie Ä rztin wird? Unmöglich! Aber warum nur folgt Leo ihr jetzt, drei Jahre nach der Trennung, ins ferne Indien? Leo wagt nicht zu hoffen, dass Bryony ihm jemals verzeiht. Aber er muss ihr eine lebenswichtige Nachricht übermitteln und sie sicher nach England zu ihrer Familie bringen. Ein gewagtes Vorhaben! Um sie herum tobt der Krieg – und noch immer weckt die schöne Bryony gefährlich heiße Leidenschaft in ihm …









Leseprobe

Prolog

Im Lauf ihrer langen, glanzvollen Laufbahn war Bryony Asquith Gegenstand zahlreicher Artikel in Zeitungen und Zeitschriften. Darin wurde ihre Erscheinung fast immer als distinguiert und einzigartig beschrieben wurde, wobei auch stets die dramatische weiße Strähne in ihrem sonst rabenschwarzen Haar Erwähnung fand.

Die neugierigeren unter den Reportern fragten oft nach, wie sie zu der weißen Strähne gekommen sei. Darauf lächelte sie immer nur und berichtete kurz, in ihren Zwanzigern habe es eine Phase gegeben, in der sie sich furchtbar überarbeitet habe. "Das kam daher, dass ich tagelang nicht geschlafen hatte. Meine arme Zofe, sie war vollkommen außer sich."

Bryony Asquith war tatsächlich Ende der Zwanzig gewesen, als es passierte. Sie hatte tatsächlich zu viel gearbeitet. Und ihre Zofe war tatsächlich ziemlich außer sich geraten. Aber wie bei jeder Lüge wurde auch hier ein entscheidender Faktor verschwiegen: In diesem Fall handelte es sich um einen Mann.

Er hieß Quentin Leonidas Marsden. Sie hatte ihn schon ihr Leben lang gekannt, doch ehe er im Frühling 1893 in London auftauchte, hatte sie nie einen Gedanken an ihn verschwendet. Innerhalb weniger Wochen nach dem Wiedersehen machte sie ihm einen Heiratsantrag. Nach einem weiteren Monat waren sie Mann und Frau.

Von Anfang an hieß es, dass sie doch gar nicht zueinander passten. Er war der attraktivste, beliebteste und begabteste der fünf attraktiven, beliebten und begabten Söhne des siebten Earl of Wyden. Bei ihrer Heirat war er vierundzwanzig und hatte bereits zahllose Vorträge vor der Londoner Gesellschaft für Mathematik gehalten, ein Stück im St. James's Theater aufgeführt und eine Expedition nach Grönland unternommen.

Er war witzig, war überall begehrt und wurde allseits bewundert. Sie hingegen redete nur sehr wenig, war nirgends begehrt und wurde nur von einem sehr eingeschränkten Kreis von Menschen bewundert. Im Prinzip missbilligte die Gesellschaft ihren Beruf – und die Tatsache, dass sie überhaupt einen hatte. Die Tochter eines Gentlemans ließ sich zur Ä rztin ausbilden und ging dann jeden Tag zur Arbeit – jeden Tag, wie irgendein x-beliebiges Dienstmädchen – war das denn wirklich nötig?

Es gab andere ungewöhnliche Paare, die allen Unkenrufen zum Trotz zusammenblieben. Ihre Ehe aber ging elend schief. Zumindest was sie anging; sie war diejenige, die sich elend gefühlt hatte. Er hielt einen weiteren Vortrag vor der Gesellschaft für Mathematik, brachte eine viel beachteten Bericht über seine Abenteuer in Grönland heraus und wurde mehr denn je mit Lorbeeren überschüttet.

Bei ihrem ersten Hochzeitstag hatte sich die Lage weiter verschlimmert. Sie verriegelte die Tür zu ihrem Schlafzimmer und er, nun, ihrer Meinung nach übte er sich wohl nicht gerade in Enthaltsamkeit. Sie aßen nicht länger gemeinsam zu Abend. Sie redeten nicht einmal mehr miteinander, wenn sie sich zufällig begegneten.

So hätte es noch jahrzehntelang weitergehen können – wenn er nicht eine gewisse Bemerkung hätte fallen lassen, und zwar nicht ihr gegenüber.

Es war an einem Sommerabend, etwa vier Monate nachdem sie ihm zum ersten Mal seine ehelichen Rechte verweigert hatte. Sie kehrte früher als sonst nach Hause, vor Mitternacht, weil sie mittlerweile seit siebzig Stunden wach war – eine kleine Ruhrepidemie und eine Serie merkwürdiger Ausschläge hatten sie ans Mikroskop gefesselt, wenn sie nicht gerade Kranke behandelte.

Sie bezahlte den Droschkenkutscher und blieb dann einen Augenblick vor ihrem Haus stehen, reckte den Kopf und streckte prüfend die Hand aus, um die Regentropfen zu spüren. Die Nachtluft roch aufgeladen. In der Ferne grollte bereits der Donner. In der Ferne sah man Wetterleuchten – abtrünnige Engel, die mit Luzifer zündelten.

Als sie den Kopf senkte, stand Leo vor ihr und betrachtete sie kühl.

Er raubte ihr wortwörtlich den Atem: Sie bekam keine Luft mehr und hatte das Gefühl, ersticken zu müssen. Er weckte alle Begehrlichkeit, die in ihr steckte – und sie hatte eine Menge davon, versteckt in den dunklen Winkeln ihres Herzens.

Wenn sie allein gewesen wären, hätten sie sich zugenickt und wären ohne ein weiteres Wort aneinander vorbeigegangen. Doch Leo hatte einen Freund dabei, einen redseligen Kerl namens Wessex, der seine Galanterie gern an Bryony ausprobierte, obwohl Galanterie in etwa so viel Wirkung auf sie hatte wie eine Impfung auf einen Zementblock.

Sie hätten erstaunliches Glück im Spiel gehabt, berichtete Wessex, während Leo sich die Handschuhe glatt strich, immer wieder, einen Finger nach dem anderen, wie ein verstörter Kammerdiener. Mit wundem Herzen und bleierner Seele starrte sie auf seine Hände.

"… wahnsinnig klug, wie du das formuliert hast. Wie genau hast du es noch einmal ausgedrückt, Marsden?", erkundigte sich Wessex.

"Ich sagte, ein guter Spieler tritt mit einem Plan an den Tisch", erwiderte Leo ungeduldig, "während ein schlechter Spieler sich mit einem verzweifelten Gebet und voll blinder Hoffnung an den Tisch setzt."

Ihr war, als hätte man sie aus großer Höhe fallen lassen. Plötzlich verstand sie ihr Verhalten nur zu gut. Sie hatte gespielt. Und ihre Ehe war das Spiel, auf das sie alles gesetzt hatte. Denn wenn er sie liebte, würde sie dadurch ebenso schön, begehrenswert und bewundernswert wie er. Und sie würde damit all diejenigen ins Unrecht setzen, die sie nie geliebt hatten.

"Genau!", rief Wessex aus. "Das war's!"

"Wir sollten Mrs. Marsden nun etwas Ruhe gönnen, Wessex", sagte Leo. "Sie ist bestimmt erschöpft nach ihrem langen Arbeitstag im edlen Dienst am Menschen."

Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. Er sah von seinen Handschuhen auf. Selbst in diesem trüben Licht verströmte er nichts als magische Anziehungskraft und Glanz. Sie stand immer noch vollkommen in seinem Bann und würde sich davon wohl auch nicht mehr lösen.

Als er nach London gekommen war, hatte sich die gesamte Damenwelt in ihn verliebt. Er hätte so anständig sein sollen, Bryony auszulachen und ihr zu erklären, dass eine altjüngferliche Ä rztin kein Recht hätte, einem Apoll einen Antrag zu machen, so groß ihr Erbe auch sein mochte. Er hätte ihr nicht dieses schiefe Lächeln schenken und sagen dürfen: "Na los, ich bin ganz Ohr."

"Gute Nacht, Mr. Wessex", sagte sie. "Gute Nacht, Mr. Marsden."

Zwei Stunden später, als der Sturm an den Fensterläden rüttelte, lag sie zitternd im Bett – sie hatte lang in der Badewanne zugebracht, so lang, bis das Wasser ebenso kalt war wie die Nacht.

Leo, dachte sie, wie jede Nacht. Leo. Leo. Leo.

Sie fuhr auf. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass diese Beschwörung seines Namens ihr verzweifeltes Gebet war, ihre blinde Hoffnung, geronnen zu einem einzigen Wort. Wann war die bloße Begierde zur Besessenheit geworden? Wann war er ihr Opium geworden, ihr Morphium?

Es gab viele Dinge, die sie ertragen konnte – die Welt steckte voll verschmähter Frauen, die dennoch hoch erhobenen Hauptes durchs Leben gingen. Aber an sich selbst konnte sie diese erbärmlichen Bedürfnisse nicht ertragen. Sie wollte nicht sein wie diese elenden Wracks, die ihr bei der Arbeit begegneten, die sich nach ihrem persönlichen Gift verzehrten, ihre Abhängigkeit liebevoll nährten, obwohl sie ihnen doch den letzten Fetzen Würde raubte.

Er war ihr Gift. Seinetwegen hatte sie alle Vernunft, alle Urteilskraft fahren lassen. Wenn sie ihn entbehren musste, konnte sie weder essen noch schlafen. Auch jetzt erinnerte sie sich voll Sehnsucht an die wenigen Momente allumfassenden Glücks, die sie mit ihm hatte erleben dürfen, als hätten sie noch immer eine Bedeutung, als glänzten sie noch immer makellos inmitten der Trümmer ihrer Ehe.

Aber wie konnte sie sich von ihm befreien? Sie waren verheiratet – die Hochzeit lag erst ein Jahr zurück, eine prachtvolle Veranstaltung, für die sie keine Kosten gescheut hatte, denn die ganze Welt hatte ja erfahren sollen, dass sie diejenige war, der er vor allen anderen den Vorzug gegeben hatte.

Draußen grollte Donner, so laut wie Artilleriegeschütze. Im Haus war alles ruhig und still. Von der Treppe oder aus dem Zimmer nebenan war nicht das geringste Knarren zu hören – von ihm hörte sie inzwischen überhaupt keine Geräusche mehr.

Die Dunkelheit erstickte sie förmlich.

Sie schüttelte den Kopf. Wenn sie nicht darüber nachdachte, wenn sie jeden Tag bis zur Erschöpfung arbeitete, konnte sie so tun, als wäre ihre Ehe keine vollkommene Katastrophe.

Dabei war sie doch genau das. Eine vollkommene Katastrophe, kalt wie Grönland und ungefähr genauso fruchtbar.

Beim nächsten Blitz kam ihr mit einem Mal die Lösung. Eigentlich war es ganz einfach. Sie verfügte über genügend Mittel, um die besten Rechtsanwälte damit zu beauftragen, irgendeine nachträgliche Ungültigkeitsklausel für die Hochzeit zu fabrizieren. Dies und eine kleine Lüge – Diese Ehe wurde nie vollzogen – würde ausreichen, um die Ehe für ungültig zu erklären.

Dann konnte sie von ihm loskommen, von den furchtbaren Konsequenzen des größten und einzigen Glücksspiels in ihrem Leben. Dann könnte sie vergessen, dass sie ins Herz getroffen worden war, dass sie mit ihm nichts als schwärende Enttäuschung erlebt hatte, die ebenso unerquicklich war wie ein Malariasumpf auf dem indischen Subkontinent. Dann könnte sie wieder frei atmen.

Nein, könnte sie nicht. Sie könnte ihn niemals verlassen. Wenn er sie anlächelte, ging sie wie auf Rosen. Die wenigen Male, wo sie ihm erlaubt hatte, sie zu küssen, hatte hinterher alles viele Stunden lang nach Milch und Honig geschmeckt.

Wenn sie um eine Annullierung der Ehe bat und sie bekam, würde er eine andere heiraten, und dann wäre diese andere seine Frau und würde ihm die Kinder schenken, die Bryony nicht bekommen konnte.

Sie wollte nicht, dass er sie vergaß. Sie alles würde ertragen, nur um ihn zu halten.

Sie konnte dieses verzweifelte, schniefende Geschöpf nicht ausstehen, in das sie sich verwandelt hatte.

Sie liebte ihn.

Sie hasste sowohl ihn als auch sich selbst.

Fröstelnd schlang sie die Arme um sich, wiegte sich vor und zurück und blickte in die Schatten, die sich einfach nicht auflösen wollten.

Am nächsten Morgen saß sie noch im Bett, die Arme um die Knie geschlungen, als ihre Zofe hereinkam. Molly ging im Zimmer herum, öffnete Vorhänge und Fensterläden, ließ den Tag herein.

Sie goss Bryony Tee ein, trat ans Bett und ließ das Tablett fallen. Scherben klirrten.

"Oh, Madame. Ihr Haar! Ihr Haar!"

Stumm sah Bryony auf. Molly eilte durch das Zimmer und kehrte mit einem Handspiegel zurück. "Sehen Sie, Madame. Sehen Sie."

Bryony fand, dass sie beinahe passabel aussehe für jemanden, der seit über drei Tagen nicht mehr richtig geschlafen hatte. Dann sah sie die Strähne in ihrem Haar, zwei Zoll breit und schneeweiß.

Der Spiegel fiel ihr aus der Hand.

"Ich hole Silbernitrat und rühre ein Färbemittel an", sagte Molly. "Niemand wird etwas auffallen."

"Nein, kein Silbernitrat", erwiderte Bryony mechanisch. "Das ist schädlich."

"Dann eben Eisensulfat. Ich könnte auch ein bisschen Henna mit Ammoniak mischen, aber ich weiß nicht, ob …"

"Ja, tun Sie das", erklärte Bryony.

Als Molly das Zimmer verlassen hatte, hob Bryony den Spiegel auf. Sie sah seltsam aus, seltsam und seltsam verletzlich – das Elend, das sie so sorgfältig verborgen hatte, war durch die durchsichtig schimmernde Strähne weißen Haars plötzlich für alle Welt sichtbar geworden. Und sie konnte niemand anderen dafür verantwortlich machen. Sie selbst hatte sich das angetan, mit ihrer unerbittlichen Bedürftigkeit, ihren Wahnvorstellungen, ihrer Bereitschaft, alles für eine sagenhafte Erfüllung aufs Spiel zu setzen, die ihre fiebrige Fantasie ihr vorgaukelte.

Entschlossen legte sie den Spiegel weg, schlang die Arme um die Knie und begann wieder, sich vor und zurück zu wiegen. Ein paar Minuten blieben ihr noch, ehe Molly mit dem Färbemittel zurückkam, ehe sie ein Treffen mit ihm vereinbaren musste, um die Auflösung ihrer Ehe ruhig und sachlich zu besprechen.

Aber davor würde sie sich eine letzte Schwelgerei erlauben.

Leo, dachte sie. Leo. Leo. Leo. So hätte es nicht enden dürfen.

So hätte es nicht enden dürfen.

1. Kapitel
Rumbur-Tal
Bezirk Chitral
Nordwestliches Grenzgebiet von Britisch-Indien
Sommer 1897

In der hellen Nachmittagssonne hob sich die weiße Strähne wie eine unfruchtbare Furche von ihrem tiefschwarzem Haar ab. Sie begann rechts an der Stirn, zog sich über den Hinterkopf und wand sich in einer auffälligen und gespenstischen Arabeske durch ihren Knoten im Nacken.

Sie rief eine merkwürdige Reaktion in ihm hervor. Kein Mitleid; für sie würde er genauso wenig Mitleid empfinden wie für den einsamen Himalaja-Wolf. Auch keine Zuneigung, dem hatte sie mit ihrer Gefühllosigkeit und Herzenskälte ein Ende bereitet. Vielleicht war es eher eine Art Nachhall, eine Erinnerung an die Hoffnungen aus unschuldigeren Tagen.

Gekleidet in eine weiße Bluse und einen dunkelblauen Rock, saß sie zwischen zwei Angelruten, die in zehn Fuß Abstand voneinander aufgepflanzt waren, einen Eimer Wasser neben sich, in der Hand einen Zweig, mit dem sie in dem rasch dahinsprudelnden Wasser müßig Muster zog.

Auf der anderen Seite des Flusses erstreckte sich die golden leuchtende schmale Schwemmlandebene – sie trug den Winterweizen, der bereit stand zur Ernte. Dahinter stieg das Land an; wie verwitterte Bauklötze türmten sich kleine, eckige Häuser aus Holz und Stein übereinander an den Hang. Jenseits des Dorfes schmiegte sich ein Wäldchen von Aprikosen- und Walnussbäumen an die immer steiler aufragenden Hügel, und dann zeigte sich das Rückgrat der Berge selbst, strenge Felsen, auf denen nur noch vereinzelt Büsche oder die eine oder andere Himalaja-Zeder wuchsen.

"Bryony", sagte er. Er hatte Kopfschmerzen, doch er musste mit ihr reden.

Sie erstarrte. Der Zweig wurde von der Strömung davongetragen, blieb an einem Felsen hängen, drehte sich einmal um sich und trieb dann weiter. Den Blick immer noch auf den Fluss gerichtet, schlang sie die Arme um die Knie. "Mr. Marsden, wie unerwartet. Was hast du in diesem Teil der Welt zu suchen?"

"Dein Vater ist krank. Deine Schwester hat mehrmals nach Leh gekabelt, und als von dir keine Antwort kam, hat sie mich gebeten, nach dir zu suchen."

"Was fehlt meinem Vater denn?"

"Ich weiß nichts Genaues. Callista sagte nur, dass die Ä rzte keine große Hoffnung haben und dass er dich sehen möchte."

Sie erhob sich und drehte sich endlich zu ihm um.

Auf den ersten Blick wirkte ihre Miene äußerst ruhig und freundlich. Dann jedoch bemerkte er, wie trostlos der Ausdruck ihrer grünen Augen war, wie bei einer Nonne, die kurz davor stand, ihren Glauben zu verlieren. Sobald sie das Wort ergriff, schwand der Eindruck ergebener Melancholie, denn sie hatte die abweisendste Stimme, die er je gehört hatte – nicht unfreundlich oder laut, sondern vollkommen selbstgenügsam und wenig interessiert an allem, was nicht mit Krankheiten zu tun hatte.

Aber im Augenblick schwieg sie. Sie erinnerte ihn an einen steinernen Engel, der mit sanftem, beständigem Mitgefühl über die Verstorbenen wachte.

"Du glaubst Callista?", fragte sie, worauf sich die ähnlichkeit verflüchtigte.

"Sollte ich das nicht?"

"Nur wenn du im Herbst 1895 im Sterben lagst."

"Wie bitte?"

"Das hat sie behauptet. Sie sagte, du hieltest dich irgendwo in der amerikanischen Ödnis auf, lägst im Sterben und wolltest mich ein letztes Mal sehen."

"Ach so", sagte er. "Ist das eine Angewohnheit von ihr?"

"Bist du verlobt?"

"Nein." Obwohl er es eigentlich sein sollte. Er kannte eine ganze Reihe schöner, liebevoller junger Damen, von denen jede eine passende Ehefrau abgeben würde.

"Callista behauptet das aber. Und dass du dem armen Mädchen mit Freuden den Laufpass geben würdest, wenn ich dich nur darum bäte." Sie sah ihn nicht an, als sie das sagte, sondern hatte den Blick auf den Boden gerichtet. "Tut mir leid, dass sie dich in ihre Lügengeschichten verwickelt hat. Und ich bin dir wirklich sehr dankbar, dass du diese weite Reise auf dich genommen hast …"

"Aber es wäre dir lieber, wenn ich auf der Stelle umkehren und verschwinden würde?"

Schweigen. "Nein, natürlich nicht. Du musst dich ausruhen und mit neuen Vorräten versorgen."

"Und wenn ich mich nicht ausruhen und mit neuen Vorräten versorgen müsste?"

Sie schwieg und wandte sich von ihm ab. Dann bückte sie sich, hob eine Angel auf und zog etwas an Land, das sich zappelnd wehrte.

Wochenlang war er durch die unwirtlichsten Gegenden der Erde gezogen, hatte auf dem kalten, harten Boden geschlafen, nur ein paar Handvoll wilde Beeren gegessen oder das, was ihm vor das Gewehr kam, damit er sich nicht mit einer Schar Kulis belasten musste, die all die Gegenstände schleppten, die für einen sahib auf Reisen gemeinhin als unentbehrlich galten – und das war ihre Antwort.

Etwas anderes durfte man von ihr einfach nicht erwarten.

"Selbst wer dreimal lügt, kann einmal die Wahrheit sprechen", sagte er. "Dein Vater ist dreiundsechzig. Ist es denn so unwahrscheinlich, dass ein Mann in seinem Alter kränklich ist?"

Mit einer geschickten Drehung des Handgelenks nahm sie den Fisch vom Haken und warf ihn in den Eimer. "Nach England ist es eine sechswöchige Reise, und das auf die geringe Chance hin, dass Callista die Wahrheit gesagt hat."

"Aber wenn sie die Wahrheit gesagt hat, wirst du es immer bereuen, nicht gefahren zu sein."

"Da bin ich mir nicht so sicher."

Die gleichmütige Haltung, mit der sie fast der gesamten Schöpfung begegnete, hatte ihn einst fasziniert. Er hatte sie für kompliziert und außergewöhnlich gehalten. Aber nein, sie war einfach kalt und gefühllos.

"Die Reise braucht nicht unbedingt sechs Wochen zu dauern", meinte er. "Man kann sie auch in vier Wochen hinter sich bringen."

Sie sah ihn an; ihre Miene war unnachgiebig. "Nein, danke."

Von Gilgit, wo er friedlich seinen Geschäften nachgegangen war, waren es dreihundertsiebzig Meilen nach Leh und ebenso viele zurück nach Gilgit, und dann zweihundertzwanzig Meilen nach Chitral. Meist hatte er an einem Tag drei Etappen zurückgelegt, manchmal vier. Er hatte ganze fünfzehn Pfund abgenommen. Und er war seit Grönland nicht mehr so müde gewesen.

Zum Kuckuck mit ihr.

"Also schön." Er verneigte sich leicht. "Dann wünsche ich noch einen guten Tag, meine Liebe."

"Warte", sagte sie – und zögerte.

Er drehte sich halb zu ihr um.

Als sie sich in ihn verliebt hatte, war er ein wunderbarer junger Mann gewesen, schön wie ein dunkelhaariger Adonis und verspielt wie ein junger Dionysseus. Gegen Ende ihrer Ehe hatte er bereits einiges von dem trügerisch engelhaften Liebreiz seines Ä ußeren verloren. Sein Profil war kantiger und ausdrucksvoller geworden und erinnerte nun an die trostlosen Höhenzüge, hinter denen sich die Täler der Kalasha verbargen.

"Brichst du jetzt schon auf?", fragte sie. Sie wusste nicht, welche Antwort sie hören wollte – aber es wäre ungehobelt gewesen, ihm nicht wenigstens eine Tasse Tee anzubieten.

"Nein. Ich habe versprochen, mit deinen Freunden, Mr. und Mrs. Braeburn, Tee zu trinken."

"Du hast sie schon kennengelernt?"

"Sie waren es, die mich zu dir geführt haben", erwiderte er. Sein Ton war nüchtern, doch eine Spur ungeduldig.

Plötzlich war sie besorgt. "Und was hast du ihnen von uns erzählt?"

Er hatte den Braeburns doch bestimmt nicht von ihrer kurzen, unglücklichen Ehe erzählt.

"Ich habe ihnen gar nichts erzählt. Ich habe ihnen eine Fotografie von dir gezeigt und gefragt, ob ich dich hier vielleicht finden könnte."

Sie blinzelte. Er besaß eine Fotografie von ihr? "Was für eine Fotografie?"

Er schob die Hand in Tasche, zog einen quadratischen Umschlag heraus und hielt ihn ihr hin. Seine Miene war so erschöpft, dass sie ihr gar nichts verriet. Einen Augenblick zögerte sie, dann wischte sie sich die Hände mit einem Taschentuch sauber, ging zu ihm und nahm den Umschlag entgegen.

Sie öffnete die nur eingesteckte Lasche und zog die Fotografie heraus. Ihre Augen begannen zu brennen. Es war ein Hochzeitsbild. Ihr Hochzeitsbild.

"Woher hast du das?"

Einen Tag nachdem sie um die Annullierung ihrer Ehe gebeten hatte, war er aus ihrem Haus im Londoner Stadtteil Belgravia ausgezogen und hatte dabei seinen Abzug des Hochzeitsbildes auf seinem Nachttisch stehen lassen. Sie hatte es gemeinsam mit ihrem Abzug verbrannt.

"Charlie gab es mir, als ich durch Delhi kam." Charles Marsden war Leos zweitältester Bruder. Einst war er Repräsentant der Briten in Gilgit, einer weiteren Basisstation an der Nordwestgrenze Indiens gewesen, im Moment war er der persönliche Adjutant von Lord Elgin, dem Generalgouverneur und Vizekönig von Indien. "Vermutlich hat er nicht verstanden, was ich ihm sagen wollte, als ich es bei der Abreise stehen ließ. Er hat es mir später per Post nachschicken lassen."

"Was haben die Braeburns denn gesagt, als du ihnen das Bild gezeigt hast?"

"Dass ich dich flussaufwärts an der Mühle beim Fischen finden würde."

"Haben sie dich … haben sie dich erkannt?"

"Ich glaube, ja", erwiderte er kühl.

Das konnte doch alles nicht wahr sein. Der Mann, der einmal ihr Ehemann gewesen war, stand in Wirklichkeit gar nicht vor ihr, nach Pferd riechend, voll Straßenstaub, mit einer vor Müdigkeit heiseren Stimme. Er wollte nicht, dass sie mit ihm mitkam. Und er hatte sie vor den freundlichen, anständigen Braeburns nicht als Heuchlerin bloßgestellt.

"Und was willst du ihnen jetzt gleich sagen, wenn du mit ihnen Tee trinkst?"

Er lächelte. Es war kein sehr angenehmes Lächeln. "Das hängt ganz von dir ab. Falls wir gleich nach dem Tee aufbrechen, würde ich eine wunderbare Geschichte über eine erzwungene Trennung erfinden, über herzzerreißende Sehnsucht und ein freudiges Wiedersehen hier an diesem unwegsamen Ort. Andernfalls sage ich ihnen, dass wir geschieden sind."

"Wir sind nicht geschieden."

"Lass doch die Haarspaltereien. Im Prinzip war es eine Scheidung, auch wenn es nicht so hieß."

"Sie werden dir nicht glauben."

"Und dir werden sie glauben, wo du ihnen bis eben noch die trauernde Witwe vorgespielt hast?"

Sie atmete tief durch und wandte den Kopf. "Das lässt sich nicht ändern. Für mich bist du auch gestorben."

Hin und wieder kam es vor, dass sie bei den banalsten Tätigkeiten – etwa wenn sie sich den Schuh band oder einen medizinischen Fachartikel las – praktisch aus dem Nichts von einer fast körperlich spürbaren Erinnerung überrollt wurde.

Die Blume, die er an jenem Abend im Knopfloch stecken hatte, als er sie zum ersten Mal geküsst hatte – eine Stephanotis, strahlend weiß und so winzig und lieblich wie eine Schneeflocke.

Die Regentropfen auf warmer Wolle, als sie die Hand auf seinen Arm gelegt hatte – er war mit ihr auf den Gehsteig getreten, um sie bis zur Kutsche zu begleiten – und die wunderbare Stille, die eintrat, als er lächelnd durch den offenstehenden Schlag der Kutsche sagte: "Nun, warum nicht? Mit dir verheiratet zu sein wäre keine Quälerei."

Das beinahe regenbogenbunte Sonnenlicht, das sich auf der Kette seiner emaillierten Taschenuhr brach, die sie ihm zur Verlobung geschenkt hatte. Er hielt sie hoch in die Luft und starrte darauf, während sie ihn darum bat, sie bei der Annullierung ihrer Ehe zu unterstützen.

Meist waren diese aufwallenden Erinnerungen jedoch nichts als Phantomschmerzen, nervöse Fehlzündungen von längst amputierten Gliedern.

Für mich bist du auch gestorben.

Er bewegte sich, als hätte sie ihn zurückgestoßen. Als würde er zurückzucken. Doch seine Antwort klang vollkommen gelassen. "Also gut, dann eben geschieden."



Historischer Hintergrund

"Gefährliche Leidenschaften" nimmt seinen Anfang im Rumbur-Tal, an der nordwestlichen Grenze von Britisch-Indien (O.k., eigentlich beginnt es in England, aber das hier ist das Vorwort). Das Rumbur-Tal ist eines der drei Kalash-Täler. Der Name stammt vom einzigartien Kalasha-Stamm, der in diesen Tälern lebt.

Der Stamm der Kalasha glaubt an ein heidnisches Götterpantheon und sieht sich selbst als Nachfahren der Krieger von Alexander dem Griechen – es ist nicht ungewöhnlich, unter den Kalashas helles Haar und blaue/grüne Augen zu finden. Die Kalasha-Täler fielen zufälligerweise auf die britische Seite der Durand-Linie und der Kalasha-Bevölkerung wurde ihr alter Glaube gelassen, erst unter britischer Besatzung, später unter dem pakistanischen Grundgesetz. Der Kafir-Stamm in Afghanistan dagegen wurde zwischen 1890 und 1900 von Amir von Kabul zum Islam zwangskonvertiert.

Die Tracht der Kalasha-Frauen ist relativ auffallend: Ein schwarzes Gewand, bunt bestickt, mehrreihige Perlen-Halsketten und Frisuren, die mit Schmuck aus Kaurischnecken-Häusern verziert sind.

Kalasha girls in their distinctive dresses
Image by Dave Watts

Kalasha girl with headdress and beaded necklace
Image by Dave Watts

Ein typisches Dorf der Kalasha: Die quadratischen Häuser sehen aus, als wären sie am Hang übereinandergestapelt.

Kalasha Village near Balanguru
Image by Yodod

Leo und Bryony verlassen das Rumbur-Tal und folgen dem Lauf des Rumbur-Flusses. Sie kommen im Chitral-Tal an. Chitral ist ein stragischer Stützpunkt für die Briten, die zu dieser Zeit befürchten, dass die Russen jederzeit einmarschieren könnten, um ihren Kronjuwel Indien einzunehmen.

Chitral Valley

Das Chitral-Tal wird im Norden landschaftlich vom Tirich Mir, dem höchsten Gebirgszug des Hindu Kushs, dominiert. Leo und Bryony allerdings würden den Tirich Mir nur sehen, wenn sie zurückschauen, da sie nicht in Richtung Norden ziehen, sondern nach Süden, Richtung Flachland.

Tirich Mir
Image by Dave Watts

Um zum Chitral-Tal zu gelangen, trotzen Leo und Bryony dem Lowari-Pass auf einer Höhe von 3.120 Metern. Der steile Berghang kann nur durch das Begehen von mehreren äußerst schmalen Bergpfaden überwunden werden.

Lowari Pass
Image by Rchughtai

Das obige Bild zeigt eigentlich nur den Passabstieg, der nicht im Mindesten so steil und dramatisch ist wie der Aufstieg. Hier ist eine Luftaufnahme des Aufstiegs Richtung Lowari-Pass. Beachten Sie die Zick-Zack-Routen.

Lowari Pass

Nachdem die beiden den Lowari-Pass hinter sich gelassen haben, nähern sie sich immer mehr dem Swat-Tal.

Swat River

Das Swat-Tal wird auch die Schweiz von Pakistan genannt – tun Sie sich den Gefallen und schauen Sie sich diese spektakulären Bilder hier an. Doch das Swat-Tal war damals im Sommer 1987 vor allem spektakulär gefährlich. Inspiriert vom Mahnruf eines gewissen Mad Fakir, hat sich die Bevölkerung zu einer schnellen, gewalttätigen Rebellion aufgeschwungen, die die lokale britische Garnison fest in ihre Gewalt gebracht hat. Der Brennpunkt des Konflikts tobte im Zentrum der britischen Niederlassungen in Malakand sowie dem Außenposten Chakdara. Weiter unten finden Sie ein altes Foto des britischen Lagers bei Malakand.

Malakand Camp south

Um das Fort bei Chakdara anzuschauen, das eine der Hauptkulissen in "Gefährliche Leidenschaften" ist, klicken Sie bitte hier.

Route Map (oder was auch immer ich über Google Earth herausfinden konnte):

NQAH Route

Ihre Reise beginnt im Kalasha-Tal Balanguru. Von Nowshera fahren sie mit dem Zug weiter. Die gelbe Linie ist die Grenze zu Afghanistan. Die rote Linie ist die Grenze zwischen NWFP und FANA.

Bitte beachten Sie: Alle Links führen zu englischen Websites.

Köstlich wie dein Kuss

Köstlich wie dein Kuss is a Library Journal Best Book of 2008.


Köstlich wie dein Kuss
CORA Verlag ♦ 11. Januar 2011
Kauft von CORA
"Scrumptious Victorian confection...
A Cinderella story with a compelling culinary twist."

Publishers Weekly


Unvergleichlich köstlich! Wer einmal von den Speisen der gefeierten Meisterköchin Verity Durant kostete, wird dieses Erlebnis nie wieder vergessen. Auch Stuart Somerset verfällt ihrem Bann – zumal die raffinierten Leckerbissen ihn machtvoll an eine bittersüße, verbotene Nacht erinnern, die er vor Jahren mit einer unbekannten Schönen verbrachte…

Unvergleichlich sinnlich! Niemals wird Verity die wunderbare Nacht vergessen, die sie damals mit Stuart teilte. Doch wie einst schon Aschenputtel musste auch sie den Geliebten vor Morgengrauen verlassen. Nun führt das Schicksal sie wieder zusammen – aber es scheint zu spät: Stuart ist einer anderen versprochen…







Leseprobe

"Wenn ich über Hunger schreibe, schreibe ich eigentlich über Liebe und die Sehnsucht danach, über Wärme und die Liebe zu ihr … und dann über die Wärme und Befriedigung und die wunderbare Wirklichkeit, wenn der Hunger gestillt ist."

M.F.K. Fisher

1. KAPITEL

Im Nachhinein hieß es, es sei wie das Märchen vom Aschenputtel. Nur dass die gute Fee gefehlt habe. Aber davon abgesehen, schien die Geschichte alle Bestandteile des Märchens zu enthalten.

Es gab einen ziemlich modernen Prinzen. Zwar war er nicht von königlichem Geblüt, aber dafür war er mächtig – Londons führender Anwalt, Mr. Gladstones rechte Hand, ein Mann, von dem man sich gut vorstellen konnte, dass er eines Tages in der Downing Street Nr. 10 residieren würde.

Dann gab es eine Frau, die einen großen Teil ihres Lebens in der Küche verbracht hatte. Für viele Leute war sie ein Niemand. Andere fanden, sie sei eine der bedeutendsten Köchinnen ihrer Generation. Angeblich war ihr Essen so göttlich, dass alte Männer mit dem Appetit der Jugend schmausten, und so verführerisch, dass Liebende unbedingt noch den letzten Krümel davon verspeisen wollten, ehe sie einander in die Arme sanken.

Einen Ball gab es auch – zwar nicht die Art Ball, von denen in Märchen oder auch in gewöhnlicheren Geschichten berichtet wird, aber doch einen Ball. Es gab auch die obligatorische böse Anverwandte. Und, für Märchenkenner vielleicht das Wichtigste, es wurde in der Eile Fußbekleidung zurückgelassen – zwar kein so frivoles oder ausgefallenes Modell wie ein gewisser gläserner Schuh, aber doch Schuhe, die viele Jahre lang hoffnungsvoll aufgehoben und in Ehren gehalten worden waren.

Wirklich wie im Märchen vom Aschenputtel.

Oder doch nicht?

Alles begann – oder setzte sich fort, je nachdem, wie man es betrachtete – an dem Tag, an dem Bertie Somerset starb.

Yorkshire
November, 1892


Die Küche auf Fairleigh Park besaß die Ausmaße eines kleinen Palasts und war ebenso großartig wie alles, was man auf Chatsworth oder Blenheim vorfinden würde – sehr viel größer, als man es von einem Herrenhaus wie Fairleigh Park erwarten würde.

Bertie Somerset hatte den gesamten Küchentrakt im Jahr 1877 renovieren lassen: kurz nachdem er das Erbe angetreten hatte und zwei Jahre, bevor Verity Durant als Köchin zu ihm kam. Nach Fertigstellung der Arbeiten verfügten die Küchengebäude über ein Milchhaus, eine Spülküche und eine Speisekammer, jeweils so groß wie ein kleines Cottage, Vorratskammern für Fleisch, Wild und Fisch, zwei Räucherkammern und einen Pilzkeller, wo auf einem kompostierten Dunghaufen das ganze Jahr über Speisepilze wuchsen.

Die Hauptküche war mit kühlen grauen Platten gefliest, auf denen an den Hauptarbeitsstätten Holzroste lagen, und wies eine altmodische offene Feuerstelle und zwei moderne Küchenherde auf. Die Decke spannte sich in zwanzig Fuß Höhe über den Boden. Die Fenster lagen hoch oben und gingen nach Norden und Osten, damit sich kein einziger Sonnenstrahl nach drinnen verirrte. Trotzdem war die Arbeit im Winter schweißtreibend, und im Sommer wurde es schrecklich heiß.

Drei Küchenmädchen rackerten in der Spülküche nebenan; sie wuschen Geschirr und Besteck vom Nachmittagstee der Dienstboten ab. Eine von Veritys Lehrlingen stand am Arbeitstisch in der Mitte der Küche und füllte winzige Auberginen, die anderen drei befanden sich an ihren Plätzen und arbeiteten am Dinner für das Personal und den Hausherrn.

Die Suppe war eben hinausgetragen worden, umschwebt vom süßen Duft karamellisierter Zwiebeln. Auf dem Herd dampfte die Weißweinbrühe, die zu einer Sauce für das zuvor darin pochierte Glattbuttfilet eingekocht wurde. Ü ber der großen Feuerstelle brieten vier Krickenten an einem Spieß, der von einem Küchenmädchen gedreht wurde. Sie kümmerte sich auch um das Hasenragout, das langsam über den Kohlen schmorte und bei jedem Umrühren einen kräftigen Wildgeruch verströmte.

Der Duft in ihrer Küche war für Verity so schön wie der volltönende Klang eines Orchesters. Diese Küche war ihr Reich, ihre Zuflucht. Sie kochte mit absoluter Konzentration, war sich dabei jeder geringsten Regung und Bewegung ihrer Untergebenen bewusst.

Als sie hörte, wie ihr Lieblingslehrling die gebräunte Butter nicht umrührte, wandte sie sofort den Kopf. "Mademoiselle Porter, die Butter", sagte sie streng. In der Küche klang ihre Stimme immer streng.

"Jawohl, Madame. Tut mir leid, Madame", erwiderte Becky Porter. Das Mädchen war sicher puterrot vor Verlegenheit, wusste es doch zu gut, dass es nur ein paar Sekunden der Unaufmerksamkeit bedurfte, um aus brauner Butter schwarze zu machen.

Verity warf Tim Cartwright, dem Lehrling, der vor der Weißweinsauce stand, einen scharfen Blick zu. Der junge Mann wurde bleich. Er kochte traumhaft, seine Saucen waren ebenso samtig und atemberaubend wie eine klare Sternennacht, und seine Soufflés wurden höher als Kochmützen. Aber Verity würde nicht zögern, ihn ohne Empfehlungsschreiben zu entlassen, wenn er sich Becky auf unziemliche Weise näherte – Becky arbeitete für Verity, seit sie als Dreizehnjährige in ihre Dienste getreten war.

Die gebräunte Butter würde größtenteils beim Dinner verzehrt werden. Doch eine Portion sollte für den Mitternachtsimbiss aufgehoben werden, den ihr Dienstherr bestellt hatte: ein Pfeffersteak, ein Dutzend Austern in Sauce Mornay, Kartoffelkroketten à la Dauphine, eine kleine Zitronentarte, die warm serviert wurde, und ein halbes Dutzend Crêpes mit, bien sûr, gebräunter Butter.

Crêpes mit gebräunter Butter – heute Abend kam also Mrs. Danner. Vor drei Tagen war es Mrs. Childs gewesen. Auf seine älteren Tage wurde Bertie allmählich promisk. Verity holte den Bohnentopf aus dem Herd und grinste ein wenig, während sie sich vorstellte, welche Szenen sich abspielen würden, wenn Mrs. Danner und Mrs. Childs herausfanden, dass sie sich Berties nicht ganz so unsterbliche Liebe teilen mussten.

Die Durchreiche wurde aufgerissen. Die Tür prallte heftig gegen die Anrichte, worauf die kupfernen Topfdeckel in ihrem Gestell zu klappern anfingen und einer unter lautem Getöse zu Boden ging. Verity sah scharf auf. Die Lakaien wussten genau, dass sie die Türen nicht so aufreißen durften.

"Madame!", keuchte Dickie, der oberste Lakai, von der Tür. Trotz der novemberlichen Kälte war er schweißgebadet. "Mr. Somerset … Mr. Somerset … irgendwas stimmt mit dem nicht!"

Etwas an Dickies wilder Miene verriet ihr, dass mit Bertie nicht nur irgendetwas nicht stimmte. Verity wies Letty Briggs, ihren ersten Lehrling, an, ihren Platz am Herd zu übernehmen. Dann wischte sie sich die Hände an einem sauberen Handtuch ab und wandte sich zur Tür.

"Machen Sie weiter", bedeutete sie ihrer Truppe, ehe sie die Tür hinter sich und Dickie schloss. Dickie hatte sich bereits zum Haupthaus gewandt.

"Was ist los?", fragte sie und beschleunigte ihre Schritte, um mit dem Lakaien mithalten zu können.

"Er ist vollkommen weggetreten, Madame."

"Wurde schon nach Dr. Sergeant geschickt?"

"Mick von den Ställen ist gerade losgeritten."

Sie hatte ihr Schultertuch vergessen. Die ungeheizte Luft in dem Gang zwischen Küche und Herrenhaus kühlte ihr den Schweißfilm auf der Stirn und im Nacken. Dickie machte die Türen auf: Türen, die in warme Küchenräume führten, in weitere Gänge, in die Anrichte des Butlers. Mit klopfendem Herzen betrat sie schließlich den Speisesaal, der jedoch leer war bis auf einen umgestürzten Stuhl – ein Unheil verkündendes Zeichen. Neben dem Stuhl war eine Pfütze, und ein Stück weiter weg lag ein erstaunlicherweise heil gebliebene Weinkelch aus Bleikristall. Am Kopfende des Tisches stand einsam und verlassen eine Schale mit der nur halb aufgegessenen Zwiebelsuppe.

Dickie ging mit ihr in einen tiefer im Haus gelegenen Salon. An der Tür standen ein paar Hausmädchen, die sich Halt suchend aneinander klammerten und vorsichtig in den Raum lugten. Bei Veritys Ankunft traten sie zurück und knicksten.

Ihr ehemaliger Geliebter lag kraftlos auf einem dunkelblauen Sofa. Seine Miene war beunruhigend friedlich. Jemand hatte ihm das Krawattentuch gelockert und den Hemdkragen geöffnet. Der halb bekleidete Zustand stand in scharfem Kontrast zu seiner steifen Haltung: Er hatte die Hände über der Brust gefaltet wie eine Statue auf einem steinernen Grabmal.

Mr. Prior, der Butler, wachte neben Berties regloser Gestalt. Bei ihrem Eintritt eilte er zu ihr und flüsterte: "Er atmet nicht mehr."

Als sie das hörte, stockte auch ihr der Atem. "Seit wann?"

"Schon bevor Dickie in die Küche ging, Madame", erwiderte der Butler. Seine Hände zitterten ein wenig.

Waren das fünf Minuten gewesen? Sieben? Einen langen Augenblick stand Verity einfach nur reglos da; sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Das war doch einfach unsinnig! Bertie war ein gesunder Mann und so gut wie nie krank.

Sie ging zum Sofa und kniete sich davor. "Bertie", rief sie leise. Auf so intime Weise hatte sie ihn die letzten zehn Jahre nicht mehr angesprochen. "Bertie, kannst du mich hören?"

Er antwortete nicht. Kein dramatisches Flattern der Augenlider. Kein Blick wie von Schneewittchen, das aus seinem vergifteten Schlaf erwachte und nun den Prinzen ansah, der ihm das Leben gerettet hatte.

Sie berührte ihn – auch das hatte sie die letzten zehn Jahre nicht mehr getan. Seine Handfläche war feucht, ebenso die gestärkte Manschette. Er war noch warm, doch als sie die Finger an sein Handgelenk legte, konnte sie keinen Puls spüren, nur eine hartnäckige Stille.

Sie verstärkte den Griff. Konnte er denn tot sein? Er war doch erst achtunddreißig. Und er war nie krank gewesen. Außerdem war er heute Abend mit Mrs. Danner verabredet. Die Austern für die Stärkung danach warteten auf einem Bett von Eis in der Speisekammer, und die gebräunte Butter stand bereit für die Crêpes, die Mrs. Danner so gerne aß.

Sein Puls wollte einfach nicht mehr schlagen.

Sie gab seine Hand frei und stand auf. Sie war wie betäubt. Das Küchenpersonal war auf ihre Anweisung hin unten geblieben. Aber die übrigen Dienstboten hatten sich im Salon versammelt, die Männer hinter Mr. Prior, die Frauen hinter Mrs. Boyce, der Haushälterin … ein Meer von schwarzen Livreen mit Schaumkronen aus weißen Krägen und Schürzen.

Auf Mrs. Boyces fragenden Blick hin schüttelte Verity den Kopf. Der Mann, den sie einst zu ihrem Prinzen erkoren hatte, war tot. Er hatte sie auf sein Schloss mitgenommen, sie aber nicht dort behalten. Am Ende war sie in die Küche zurückgekehrt, hatte die Scherben ihrer Träume begraben und weitergemacht, als hätte sie nie wirklich geglaubt, einmal Herrin dieses schönen Hauses zu werden.

"Dann sollten wir seinen Anwälten kabeln", meinte Mrs. Boyce. "Die müssen ja seinen Bruder verständigen, dass Fairleigh Park nun ihm gehört."

Seinen Bruder. In dem ganzen Drama um Berties abruptes Ableben hatte Verity gar nicht daran gedacht, das Fairleigh Park nun den Besitzer wechseln würde. Tief im Innersten begann sie zu zittern – wie eine Portion Aspik, die man zu heftig auf den Tisch gestellt hatte.

Sie nickte unbestimmt. "Ich bin in der Küche, wenn Sie mich brauchen."

In ihrer Ausgabe der mittelalterlichen Rezeptsammlung Le Viandier de Taillevent steckte zwischen den Seiten mit dem Rezept für Hühnchen mit Blattgold und Klößchen ein Umschlag mit der Aufschrift "Liste der Käsehändler im 16. Arondissement".

Der Umschlag enthielt unter anderem einen Zeitungsausschnitt aus der Lokalpresse, der sich mit dem Wahlsieg der Liberalen befasste, die nach sechs Jahren Opposition wieder an die Macht gekommen waren. In einer Ecke hatte Verity das Datum vermerkt: 16.08.1892. Von dem Ausschnitt blickte ihr ein körniges Abbild von Stuart Somerset entgegen.

Sie fasste das Foto nie an, aus Furcht, sie könne es verwischen, wenn sie es streichelte. Manchmal sah sie es sehr genau an, hielt sich den Ausschnitt fast bis vor die Nase. Manchmal legte sie es sich in den Schoß, aber nie weiter, nie außer Reichweite.

Der Mann auf der Fotografie war unglaublich attraktiv – ein Gesicht wie ein Shakespeare-Darsteller in der Blüte seiner Jahre, mit kantigen, scharf geschnittenen Zügen. Von Weitem hatte sie seinen glänzenden Aufstieg verfolgt. Er war einer von Londons gefragtesten Anwälten und jetzt, da die Liberalen wieder an der Macht waren, war er Mr. Gladstones Fraktionsführer im Unterhaus – was keine geringe Sache war für einen Mann, der die ersten neun Jahre seines Lebens in einem Slum in Manchester verbracht hatte.

Natürlich hatte er all das aus eigener Kraft geschafft. Aber auch sie hatte eine kleine Rolle dabei gespielt. Sie hatte ihn verlassen, hatte damit Hoffnungen und Träume hinter sich gelassen, die einer ganzen Generation von Dichtern Nahrung gegeben hätten, damit er der Mann werden konnte, der er werden sollte, der Mann, dessen Fotografie sie nicht zu berühren wagte.

2. KAPITEL

"Wir kennen uns jetzt eine lange Zeit, Miss Bessler", sagte Stuart Somerset.

Der Salon im Haus der Besslers am Hanover Square war einst in einem ziemlich scheußlichen Grün gehalten. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte jedoch Miss Bessler die Zügel in die Hand genommen und den Raum in einem Scharlachton tapezieren lassen, der beinahe sinnlich war, aber gleichzeitig ehrwürdig genug für das Heim eines ehemaligen Schatzkanzlers.

Miss Bessler warf Stuart einen strengen Blick zu. Sie sah an diesem Abend sehr gut aus: Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen waren zart gerötet, und ihr preußisch blaues Gewand hob sich höchst dramatisch von der scharlachroten Chaiselongue ab, auf der sie beinahe Knie an Knie saßen.

"Wir sind seit Langem miteinander befreundet, Mr. Somerset", korrigierte sie ihn.

Schon Jahre vor ihrem offiziellen Debüt hatten sie sich kennengelernt, als Stuart und die Besslers bei einer einwöchigen Hausgesellschaft auf Lyndhurst Hall zu Gast geweilt hatten. Er hatte damals gedankenverloren im Garten gestanden und eine Zigarette geraucht. Und sie hatte sich aus dem Kindertrakt davongeschlichen, um den Tanzenden im Ballsaal zuzusehen, voll Entrüstung, dass ein so reifes, kluges Mädchen wie sie an dem Spaß nicht teilhaben durfte.

"Ja, wir sind tatsächlich seit Langem miteinander befreundet", stimmte er ihr zu.

Und er hatte voll Stolz und Zuneigung beobachtet, wie das reizende Kind – obwohl sie immer darauf beharrt hatte, dass sie beinahe fünfzehn, also beileibe kein Kind mehr sei – zu einer noch reizenderen jungen Dame herangewachsen war.

"Das ist schon viel besser", erklärte Miss Bessler. "Wollen Sie mir nicht endlich die Frage stellen, damit ich Ihnen sagen kann, wie glücklich und geehrt ich mich fühlen würde, Ihre Frau zu werden?"

Stuart lachte. Genau wie er sich gedacht hatte: Mr. Bessler war nicht in der Lage gewesen, die Neuigkeiten für sich zu behalten. Er ergriff ihre Hände. "Also dann, würden Sie mich sehr glücklich machen und einwilligen, meine Frau zu werden?"

"Ja, das würde ich", erwiderte sie entschieden. Sie sah glücklich aus – und auch erleichtert, als hätte sie bis zu diesem Moment nicht ganz glauben können, dass er tatsächlich um ihre Hand anhalten würde. Sie erwiderte den Druck seiner Hände. "Danke. Wir wissen schließlich beide, dass ich nicht jünger werde."

Er betrachtete sie immer noch als junge Frau, wegen des Altersunterschiedes von zwölf Jahren. Aber ihre Worte waren leider nicht von der Hand zu weisen. Mit fünfundzwanzig und nach acht Londoner Saisons war sie weitaus älter als die anderen jungen Damen, die in den Ballsälen und Salons herumgereicht wurden.

"Nicht dass dies an meiner Antwort irgendetwas ändern würde – ich bin viel zu praktisch und selbstsüchtig, um Sie aufzugeben. Aber ich hoffe, Sie bitten mich nicht nur aus Mitleid um meine Hand, mein lieber Stuart – wenn ich Sie nun endlich so nennen darf."

"Mitleid liegt mir wirklich fern, Lizzy", erwiderte er. "Es gibt in der ganzen Gesellschaft keine Frau, mit der ich mein Leben lieber verbringen würde."

Er hatte so lang gezögert, sich eine Frau zu suchen, bis er alt genug war, um der Vater der diesjährigen Debütantinnenschar zu sein. Er wollte keine Siebzehnjährige, weder an seinem Arm noch in seinem Bett. Er brauchte eine Gefährtin mit Lebenserfahrung, eine, die sich von den Erfordernissen eines Abgeordnetenhaushalts nicht aus der Ruhe bringen ließ. Lizzy stammte aus einer alten, hoch angesehenen Familie, sie war die Tochter eines Politikers und eine anmutige und vollendete Gastgeberin. Schön war sie auch. Sie war einfach alles, was Stuart sich in seinem Alter von einer Gattin vernünftigerweise erhoffen konnte.

Natürlich gab es auch die unvernünftigen Träume – aber er musste einfach akzeptieren, dass Träume meist nur Schäume waren und Erinnerungen mitunter Illusionen.

"Ich kann gar nicht verstehen, warum du nicht schon vor Jahren zum Traualtar geführt worden bist", fuhr er fort. "Und irgendwo habe ich immer noch ein wenig das Gefühl, dass ich dich bitte, dich an einen alten Mann von leicht zweifelhafter Herkunft zu verschwenden …"

"Nein. Ich wünschte nur, du hättest nicht gar so lange gebraucht", sagte sie. Sie fasste ihn fester und senkte kurz den Blick. "Ich wünschte, wir wären schon jahrelang miteinander verheiratet."

Das überraschte ihn. Zwar hatte es eine Zeit gegeben, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, in der sie wohl ein wenig in ihn verliebt gewesen war. Aber als sie dann in ihrer ersten Saison so großen Erfolg hatte, war sie ehrgeizig geworden und hatte Besseres als einen schlichten Anwalt und Parlamentsabgeordneten ins Visier genommen.

"In diesem Fall verzeihst du vielleicht die Frage, ob die Hochzeit vor der Parlamentseröffnung stattfinden könnte?"

Die Parlamentseröffnung war Ende Januar. Sie warf ihm einen gespielt strengen Blick zu. "Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich dir wirklich verzeihen kann, dass du mir für eine derartige Staatsaffäre nur zwei Monate Zeit zum Vorbereiten gibst – und mich dann auch noch um die Hochzeitsreise bringst."

"Ich entschuldige mich für die Eile. In den Parlamentsferien können wir reisen, wohin du willst. Und was die Vorbereitungen angeht, so stelle ich dir Marsden zur Verfügung."

Sie runzelte die Stirn. "Muss das sein, dass wir deinen Sekretär beteiligen?"

"Nur damit du hin und wieder zum Schlafen, Essen und Baden kommst."

"Aber Mr. Marsden raubt mir immer die Geduld."

Normalerweise himmelten die Frauen Marsden an. Stuart hob ihre Hand und drückte einen Kuss darauf. "Lass ihn doch helfen. Ich möchte nicht, dass du dich völlig verausgabst."

Sie verzog das Gesicht und seufzte. "Na schön, ich will Mr. Marsden tolerieren, aber nur, damit du dir meinetwegen keine Sorgen zu machen brauchst."

Er erhob sich. "Wollen wir deinen Vater aufsuchen und ihm sagen, dass er mich bald zum Schwiegersohn bekommt?"

Sie legte den Kopf schief und klimperte mit den Wimpern. "Hast du nicht etwas vergessen, mein Lieber?"

Offenbar erwartete sie, dass er sie küsste. Er setzte sich wieder zu ihr auf die Chaiselongue und zog sie an sich. Bereitwillig hob sie das Kinn und schloss die Augen.

Er umfasste ihr Gesicht mit den Händen. Ihre Wangen waren so samtig wie feinster Puder. Und als er sich vorbeugte, roch er Maiglöckchen, das Parfüm, das sie seit ihrem sechzehnten Geburtstag trug.

Beinahe hätten sich ihre Lippen berührt. Er hielt einen Moment inne und küsste sie stattdessen auf die Stirn. Seltsam, dass sie jetzt verlobt waren, ein Mann in mittleren Jahren, der sich eigentlich zu spät auf den Heiratsmarkt begeben hatte, und eine junge Frau, die dort schon lange nichts mehr verloren hatte.

"Wir sind bald verheiratet", schalt sie ihn. "Du musst aufhören, mich so brüderlich zu behandeln."

Brüderlich. Onkelhaft hätte es eher getroffen.

Es klopfte an die Tür. Sie sahen einander an. Stuart erhob sich, in der Annahme, dass es Mr. Bessler war, der die guten Neuigkeiten nicht mehr erwarten konnte. Doch es war der Butler.

"Jemand ist gekommen, Sie zu sehen, Sir. Ein Mr. Marvin von 'Locke, Marvin & Söhne'. Er sagt, es sei dringend. Ich habe ihn ins Frühstückszimmer geführt."

Stuart runzelte die Stirn. Locke, Marvin & Söhne waren Berties Anwälte. Was konnte Bertie denn noch von ihm wollen?

"Bitte entschuldige mich", sagte er zu seiner frisch gebackenen Verlobten.

Als Stuart Mr. Marvin sah, war sein erster Gedanke, dass die Jahre nicht freundlich mit dem Advokaten umgegangen waren: Aus dem eindrucksvollen Mann, an den Stuart sich erinnerte, war ein unscheinbares altes Männchen geworden. Dann aber wurde ihm klar, dass er Mr. Marvin nie begegnet war. Er dachte an Mr. Locke, mit dem er Anfang 1882 zweimal verhandelt hatte. Bertie hatte Stuart damals mit jahrelangen rechtlichen Winkelzügen in den Bankrott getrieben, und sie hatten herausfinden wollen, ob sie zu einer für beide Seiten befriedigenden Ü bereinkunft gelangen könnten, die es Stuart erlaubte, den Alptraum zu Ende zu bringen und sich trotzdem einen Rest an Würde zu bewahren.

"Mr. Marvin, was für eine nette Ü berraschung", sagte er und reichte dem anderen die Hand.

"Bitte um Verzeihung, Mr. Somerset, dass ich Sie in Ihrer freien Zeit belästige", erwiderte Mr. Marvin.

"Ich nehme an, dass Sie in wichtigen Angelegenheiten hierher kommen", meinte Stuart.

"Allerdings", sagte Mr. Marvin. "Mein Beileid. Ihr Bruder ist diesen Abend verstorben."

"Wie bitte?"

"Mr. Bertram Somerset ist heute Abend verstorben. Ich habe mich zu Ihnen begeben, sobald ich die Nachricht erhielt. Ihr Kammerdiener war so freundlich, mich an Mr. Bessler zu verweisen."

Ob Bertie nun tot oder lebendig war, machte für Stuart keinen großen Unterschied, es sei denn …

"Wollen Sie mir etwa sagen, ich bin sein Erbe?"

"Allerdings, Sir", bestätigte der Anwalt. "Da er unverheiratet blieb und keine Nachkommen hat, gehen all seine weltlichen Besitztümer an Sie über: Fairleigh Park, Grundstücke in Manchester, Leeds und Liverpool, ein Haus in Torquay …"

"Verzeihen Sie", unterbrach Stuart. Die Aufzählung von Berties Besitztümern war wirklich nicht nötig, schließlich hatten sie um jeden einzelnen Backstein gekämpft, der nicht zu Fairleigh Park gehört hatte. "Wie ist er gestorben?"

"Der Arzt glaubt, an Herzversagen."

"Herzversagen", wiederholte Stuart.

Das überraschte ihn. Er hatte gedacht, Berties Herz sei schon vor Langem verkümmert.

Er stellte die obligatorischen Fragen – Ob es eine gerichtliche Untersuchung der Todesursache geben werde? Wer für die Beerdigung verantwortlich sei? Ob das Personal auf Fairleigh Park sofortiger Anweisung von ihm bedürfe? – und dankte dem Anwalt für seine Mühe.

Mr. Marvin ging, und Stuart kehrte in den Salon zurück. Mr. Bessler hatte sich zu seiner Tochter gesellt. Anscheinend hatten sie es erraten – beide warteten mit ernster Miene, dass er das Wort ergriff.

"Mein Bruder weilt nicht länger unter uns", erklärte Stuart. "Er ist vor ein paar Stunden verstorben."

"Mein Beileid", sagte Mr. Bessler.

"Tut mir leid", sagte Lizzy.

"Wir werden unsere Verlobung wohl erst nach der Beerdigung anzeigen können", meinte Stuart.

"Natürlich", stimmten die Besslers zu.

"Und nach unserer Hochzeit wirst du alle Hände voll zu tun bekommen, Lizzy, denn ich habe Fairleigh Park geerbt."

"Das ist kein Problem", erwiderte sie. "Du weißt doch, dass ich gern über ein Haus herrsche, je größer, desto besser."

Er lächelte kurz. "Wollen wir auf unsere Verlobung anstoßen? Leider muss ich bald gehen, viel früher, als ich möchte."

Er hatte einen Fall, der in vierzehn Tagen vor dem Berufungsgericht verhandelt werden sollte. Und da er sich auch noch um Berties Beerdigung und den Besitz zu kümmern hatte, musste er die Vorbereitungen zur Verhandlung so bald wie möglich treffen.

Champagner wurde serviert und getrunken. Stuart verabschiedete sich, doch Lizzy folgte ihm auf den Flur.

"Geht es dir auch gut?", fragte sie. "Wegen deines Bruders, meine ich."

"Mir könnte es nicht besser gehen", erwiderte er ehrlich. "Wir haben zwanzig Jahren nicht mehr miteinander geredet."

"Es ist nur so, als ich dich damals kennengelernt habe, gab es immer mal wieder Zeiten, wo du untröstlich warst. Ich habe mich immer gefragt, ob das wohl mit deinem Bruder zu tun hatte."

Er schüttelte den Kopf. "Ich war doch nicht untröstlich." Dann fügte er wahrheitsgemäßer hinzu: "Und es hatte nichts mit meinem Bruder zu tun."

Stuart wohnte nicht in seinem Wahlkreis South Hackney, sondern im eleganten Viertel Belgravia. Von den Besslers kehrte er direkt nach Hause zurück und arbeitete dort noch bis Viertel nach zwei. Dann entschied er, er habe für diese Nacht genug gearbeitet.

Er goss sich einen Whisky ein und nahm einen großen Schluck. Berties Tod ging ihm jetzt doch näher als vorhin – er fühlte sich wie betäubt, und dieses Gefühl hatte nichts mit seiner Müdigkeit zu tun.

Vermutlich lag es am Schock. Er hatte nicht erwartet, dass der Tod, so allgegenwärtig er sonst auch war, ausgerechnet Bertie holen könnte.

Zwei Regalbretter über dem Whisky stand eine gerahmte Fotografie von ihm und Bertie, die aufgenommen worden war, als sein Bruder achtzehn und er siebzehn gewesen war, kurz nachdem er per Parlamentsbeschluss und durch die Heirat seiner Eltern legitimiert worden war.

Was hatte Bertie an jenem Tag zu ihm gesagt?

Selbst wenn du jetzt legitimiert bist, du wirst nie wirklich zu uns gehören. Du weißt ja gar nicht, wie erschrocken Vater war, als es so aussah, dass deine Mutter überleben könnte. Deine Familie besteht aus Arbeitern, Trunkenbolden und Kleinkriminellen, dem entkommst du nicht.

Wenn er an Bertie dachte, sah er ihn noch Jahre später immer so vor sich, wie er ihn in jenem speziellen Augenblick wahrgenommen hatte: makellos gekleidet, ein kaltes Lächeln im Gesicht, höchst zufrieden darüber, dass er für seinen unehelich geborenen Bruder endlich etwas Wunderbares verdorben hatte.

Aber der schmale Jüngling auf dem Foto in seinem sepiabraunen Sommermantel sah gar nicht aus, als könnte er irgendjemandes Erzfeind sein. Er trug das blonde Haar streng gescheitelt und nach hinten gekämmt, eine Frisur, die in modischeren Kreisen belächelt worden wäre. Breitbeinig stand er da, eine Hand lässig in die Tasche gesteckt, um Selbstsicherheit vorzutäuschen. Er sah aus wie jeder andere Achtzehnjährige, der sich Mühe gibt, männliches Selbstvertrauen auszustrahlen, das er nicht besitzt.

Stuart runzelte die Stirn. Wann hatte er diese Fotografie zum letzten Mal richtig angesehen?

Die Antwort darauf war weitaus einfacher, als er gedacht hätte. In jener Nacht. Er hatte die Fotografie zusammen mit ihr betrachtet, und sie hatte das Bild mit beunruhigender Aufmerksamkeit gemustert.

Hassen Sie ihn denn immer noch?, hatte sie gefragt und ihm das Bild zurückgegeben.

Manchmal, hatte er abwesend erwidert, abgelenkt von ihren rosigen Lippen, die so einladend nah waren. Sie schien nur aus Augen und Lippen zu bestehen, Augen, die so türkisblau waren wie das Meer in den Tropen, und Lippen, die weich und voll waren wie Federkissen.

Dann mag ich ihn auch nicht, hatte sie gemeint und dabei merkwürdig gelächelt.

Kennen Sie ihn denn?, hatte er gefragt – aus heiterem Himmel und ganz ohne Grund.

Nein. Sie hatte ernst den Kopf geschüttelt, und ihre schönen Augen hatten dabei traurig gewirkt. Ich kenne ihn überhaupt nicht.

Historischer Hintergrund

Newby Hall in Nord-Yorkshire lieferte die Vorlage für Fairleigh Park, das Gut, das Stuart von seinem Bruder erbt. Das Landhaus wurde im 17. Jahrhundert unter Mitwirkung von Sir Christopher Wren erbaut. Die Inneneinrichtung aus dem 18. Jahrhundert stammt von Robert Adam.

Newby Hall
Image by PaintMonkey


Newby Hall Herbaceous Border
Image by Xerones


Newby Hall Garden
Image by DvdBramhall

Bei der Cambury Lane Nummer 26, Stuarts Haus in London, hat Sherry sich sehr von einem anderen berühmten fiktiven Haus inspirieren lassen. Es handelt sich um das Haus am Eaton Place Nummer 165, natürlich bekannt als "Das Haus am Eaton Place" aus der gleichnamigen legendären BBC-Serie.

Die Zeichnungen zur Inneneinrichtung des Hauses, ursprünglich in der TV Times veröffentlicht und nun auf der Homepage von "Das Haus am Eaton Place" zu finden, waren ein unerlässliches Hilfsmittel für Sherry. Besonders auffällig ist, wie winzig die Dienstbotenkammern untern Dach im Vergleich zum Rest des Hauses erscheinen.